Opportunistischer Allesfresser
Der Mensch ist paläoanthropologisch breit gestützt als opportunistischer Allesfresser mit hoher diätetischer Flexibilität beschrieben. Genau diese Flexibilität war der evolutionäre Vorteil.
Wissen · Einordnung
Warum das Naturargument in beide Richtungen nicht trägt — und wie aus einer philosophischen Haltung eine planbare Ernährung wurde.
Kaum ein Argument wird in Ernährungsdebatten häufiger bemüht als die Evolution. Die Grundstruktur ist immer dieselbe: Der Mensch hat sich so entwickelt, also ist diese Ernährung die richtige.
Das ist ein naturalistischer Fehlschluss — der Schritt vom Sein zum Sollen ohne Begründung. Und er trifft beide Seiten gleichermaßen.
Symmetrisch falsch
„Wir aßen Fleisch, also sollen wir Fleisch essen."
Aus der evolutionären Vergangenheit wird eine Empfehlung für heute abgeleitet.
„Unsere nächsten Verwandten sind Pflanzenfresser, also sollen wir pflanzlich essen."
Dieselbe Struktur, andere Richtung. Methodisch genauso unzulässig.
Beide leiten aus der evolutionären Vergangenheit eine Empfehlung für heute ab. Was der Mensch aß, sagt nichts darüber, was unter heutigen Bedingungen für Gesundheit und Langlebigkeit optimal ist. Wer das eine Argument ablehnt, muss auch das andere ablehnen.
Beschreibend
Der Mensch ist paläoanthropologisch breit gestützt als opportunistischer Allesfresser mit hoher diätetischer Flexibilität beschrieben. Genau diese Flexibilität war der evolutionäre Vorteil.
Die menschliche Physiologie verträgt ein breites Spektrum — von weitgehend pflanzlichen Ernährungsformen mancher Kulturen bis zu den fleischreichen der Inuit. Eine einzelne natürliche Humanernährung gibt es nicht.
Die Vorverdauung durch Hitze erhöhte die verfügbare Energie aus pflanzlichen wie tierischen Quellen erheblich. Auch das spricht gegen die Vorstellung eines unveränderten Naturzustands.
Die korrekte Lehre lautet nicht „iss dies oder jenes", sondern: Der Mensch ist nicht auf eine Ernährung festgelegt. Genau diese Flexibilität ist das Argument dafür, dass eine gut geplante pflanzliche Ernährung physiologisch funktioniert — nicht weil sie natürlich wäre, sondern weil der Mensch anpassungsfähig ist.
Die Pointe
B12 wird von Bakterien gebildet. Frühe Menschen nahmen es über bakteriell belastetes Wasser, ungewaschene Pflanzen und tierische Quellen auf.
Moderne Hygiene — sauberes Trinkwasser, gewaschene Lebensmittel — hat diese Quellen für alle reduziert. Auch Mischköstler in industrialisierten Gesellschaften haben teils suboptimale Werte.
Damit dreht sich das Naturargument um: Die Ergänzung ist keine unnatürliche Korrektur einer unnatürlichen Ernährung, sondern eine Anpassung an moderne Hygienebedingungen. Mehr dazu im Beitrag zu B12.
Zeitlinie
Der Verzicht auf tierische Produkte ist alt, die wissenschaftliche Grundlage dafür jung. Der entscheidende Einschnitt liegt bei einem einzigen Molekül.
Fleischverzicht ist in der griechischen Antike überliefert und wurde jahrhundertelang als pythagoreische Diät bezeichnet. Die Begründungen waren philosophisch und religiös, nicht ernährungswissenschaftlich.
Die Vegetarian Society wird in England gegründet. Der Begriff setzt sich durch und löst die ältere Bezeichnung ab.
Donald Watson und Mitstreiter gründen die Vegan Society und prägen das Wort — gebildet aus dem Anfang und Ende von vegetarian, weil Vegetarismus als Anfang und Veganismus als konsequente Fortführung verstanden wurde.
Die Isolierung von B12 markiert den Wendepunkt. Erst ab hier war der eine Nährstoff bekannt, der rein pflanzliche Ernährung dauerhaft riskant macht — und erst ab hier wurde sie sicher planbar.
Ein einflussreiches Buch verbreitet die These, pflanzliche Proteine müssten innerhalb einer Mahlzeit kombiniert werden. Die Autorin widerruft sie 1981 selbst. Der Mythos hält sich bis heute.
Große Fachgesellschaften veröffentlichen Positionspapiere, die eine gut geplante pflanzliche Ernährung für alle Lebensphasen als geeignet einstufen. Die deutschsprachigen Gesellschaften formulieren bei Schwangerschaft und früher Kindheit zurückhaltender — diese Differenz besteht bis heute.
Vor der Isolierung von Vitamin B12 war rein pflanzliche Ernährung eine Haltung mit unbekanntem Risiko. Danach wurde sie eine Ernährungsform mit einer bekannten, lösbaren Bedingung. Das ist kein Detail der Wissenschaftsgeschichte — es ist der Grund, warum die Frage heute überhaupt sachlich verhandelbar ist.
Das Naturargument taucht auch unter Sätze, die immer kommen auf. Wie Ansprüche eingestuft werden, steht unter Aussagen prüfen, der Aufbau einer pflanzlichen Ernährung im Schichtmodell.